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Causa Burgtheater: Verantwortung wird in Österreich mit ganz kleinem v geschrieben

Diesen Montag habe ich im Rahmen des Plenums eine dringliche Anfrage zum Burgtheater eingebracht. Warum? Es geht um die Burg…
Ich wollte (in zugegebenermaßen stattlichen 72 Fragen) vor allem von Minister Ostermayer wissen, was das Ministerium schon vor dem Fall Stantejsky von der Finanzmisere des Burgtheaters wusste, was es hätte wissen müssen und ob nicht Bundestheater-Chef Springer und Burgtheater-Direktor Hartmann auch etwas wissen hätten müssen (was ich glaube) und wenn ja, was unternommen wurde und vor allem, warum nichts unternommen wurde.
Die Antworten waren mehr als dürftig. Wiederholt verwies der Minister auf den noch ausstehenden Endbericht der forensischen Untersuchung hinsichtlich der vermuteten Malversationen. Das ist billig und grundfalsch.

Ein Blick in die Jahresabschlüsse samt Lageberichten des Burgtheaters genügt um zu sehen, dass 2008/2009 (also in der letzten Saison Bachler) Schwierigkeiten da waren. In dieser Saison beschloss man, offensichtlich mit dem Sanktus der damaligen Abschlussprüfer von PwC, Produktionen auf bis zu 5 Jahre abzuschreiben, statt wie bisher auf bis zu 3. Warum macht man das? Salopp gesagt, um ein Defizit zu verschleiern. Man rechnet sich reicher als man ist und schafft so eine ausgeglichene Bilanz. Das schleppt man dann weiter, bis es nicht mehr geht. Das war 2013 der Fall, als die neuen Abschlussprüfer von KPMG gesagt haben: „Also so geht das nicht!“. Dann kracht es.

Zudem hat die Burg ein Liquiditätsproblem: Zwischen der Saison 08/09 und 09/10 stiegen die kurzfristigen Bankverbindlichkeiten um 4 Millionen Euro. Durchaus eine Menge – die Burg hat einen Umsatz von etwa 8 Mio. Euro/Jahr.
Wie kam es dazu? Nun, mit dem Start Hartmanns begann ein wahrer „Premieren-Marathon“, ein „Feuerwerk an Neuproduktionen“ (beides Zitate aus den Lageberichten). Das ist nicht ungewöhnlich. Wenn ein neuer Direktor kommt, gibt er dem Haus einen neuen Anstrich, ein neues Repertoire wird aufgebaut. Leider ist es auch nicht ungewöhnlich, dass man hierbei Schulden anhäuft. In österreichischen Kulturinstitutionen wartet man immer ein bisschen auf den Bankomaten in Form einer Erhöhung der Basisabgeltung. Papa Staat wird DAS österreichische Nationaltheater doch nicht im Regen stehen lassen!

Und natürlich ist die primäre Aufgabe des (künstlerischen) Direktors des Burgtheaters die Kunst – also aufs Gas zu steigen. Die primäre Aufgabe der kaufmännischen Geschäftsführung ist es, auf die Bremse zu treten. Es ist verhängnisvoll, wenn diese alles immer ermöglichen will/muss. Aufgrund der gewählten Konstruktion einer GmbH hat das Burgtheater zwei Geschäftsführer, die beide gemeinsam verantwortlich sind für das Budget.

Rein rechtlich kommt also Hartmann meiner Ansicht nach nicht aus: er ist simpel mitverantwortlich.

(Will man ein solches Ergebnis nicht, muss man die Konstruktion – also das Gesetz – ändern: man setzt einen künstlerischen Intendanten hin, der nicht gleichzeitig Geschäftsführer ist.)

Und dann gibt es ja noch die Bundestheater-Holding. Eine interessante Konstruktion – verantwortlich als Mutter für das Burgtheater, die Staatsoper und die Volksoper. Geschäftsführer ist Georg Springer. Das ist er übrigens seit Anbeginn der Zeiten, also seit der Ausgliederung.
Diese Holding und damit auch Geschäftsführer Springer hat nur wenige Aufgaben (“abgeschwächte Führungsholding” bezeichnet eine mit einer Evaluation der Bundestheater beauftragte Kanzlei das Ganze). Vor allem das Konzerncontrolling (also Finanzplanung und Rechnungswesen), Revision (also die Kontrolle) und die finanzielle Ausstattung der Bühnengesellschaften.

Direktor Springer (ja, auch der Geschäftsführer der Holding darf sich Direktor nennen) hat keinerlei künstlerische Aufgaben.Er ist NUR dafür da, um darauf zu schauen, dass die Bühnengesellschaften mit dem zur Verfügung stehenden Geld (Löwenanteil: Steuermittel) auskommen und die Häuser nach den Grundsätzen der Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit geführt werden. Quasi interne Polizei, die Zu-schnell-Fahren ebenso sanktionieren muss wie illegales Tuning.
Und sie ist die Schnittstelle zur Politik, letztlich also zum Geldgeber, der ja Eigentümer ist – der Holding und diese ist wiederum Eigentümerin des Burgtheaters. Top-down sind überall Weisungen möglich. Außer im künstlerischen Bereich – und das ist ja auch wirklich gut so.

Jetzt muss man anhand der Zahlen sagen: Hartmann hat teuer, zu teuer produziert. Ja, er hat Kosten eingespart, das aber vor allem durch Kündigungen im Ensemble und beim technischen Personal (logisch, dass die Schauspieler_innen Angst haben) und durch Einnahmensteigerungen. Er hat die Ticketpreise erhöht (keine wirkliche Kunst) und für mehr Auslastung gesorgt (schon eine Kunst, aber auch wenig überraschend, wenn man ständig Neuinszenierungen bietet). Dass aber die Auslastungszahlen in einem Theaterbetrieb, der immer defizitär wirtschaftet (Nicht falsch verstehen – das ist völlig ok so! Es gibt einen staatlichen Kulturauftrag, gerade bei einem so grandiosen Theater wie dem Burgtheater.) nicht das Maß aller Dinge sein kann, liegt doch auf der Hand. Anders gesagt: wenn ich die Auslastung um 10% steigere dadurch, dass ich eine neue Produktion biete, die um 100% mehr kostet, dann geht diese Rechnung nicht auf.
Die Burg wurde überhitzt. Wirklich gespart man hat man nicht. Offenbar hat dies Hartmann jedenfalls nicht bei sich selbst getan: sämtliche seiner Eigenregiearbeiten werden ihm neben seinem Gehalt als Direktor extra honoriert. Zudem hat es eine schiefe Optik, dass auch Schwester und Schwager als Leiter der “Jungen Burg”  versorgt wurden. Ich fordere hier stark, dass solche Geschäfte mit Verwandten in der Zukunft einer Zustimmung des Aufsichtsrats bedürfen…

Das Defizit war ebenso vorhersehbar wie (illegale) Tricksereien in der Buchhaltung. Auch hier würde ein Blick in eine vom Ministerium selbst in Auftrag gegebene „Effizienzanalyse“ der Bundestheater genügen: Da ist von regelmäßigen Abweichungen der Budgetplänen von der eingetretenen Wirklichkeit die Rede. Von eklatanten Mängeln im Controlling und in der Revision; allesamt Kernaufgaben der Holding und der Aufsichtsorgane. Wenn man sich den Bericht durchliest (hoppla, das kann man nicht, denn der wird unter Verschluss gehalten – aber in der Parlamentsdirektion liegt er auf ), dann wird klar, dass hier auch strukturell der Wurm drin ist. Eine derart konstruierte Holding ist sinnlos!

Mir geht es um drei Dinge:
1.) Die Struktur der Bundestheater muss man neu diskutieren! Die Bundesmuseen kommen auch ohne Holding aus. Eine Holding hat aber schon Sinn, WENN sie ihre Aufgaben wahrnimmt und Einiges (wie Rechnungs- und Personalwesen) ebenfalls zentralisiert wird.

2.) Die Schuld an der Finanzmisere einer einzigen Person zuzuschieben ist billig, denn

3.) die finanziellen Schwierigkeiten des Burgtheaters sind getrennt von den (vermutlich von Strafgerichten zu klärenden) Aktionen von Frau Stantejsky zu betrachten. Und ja, das hat man früher gewusst oder man hätte es wissen müssen. In beiden Fällen muss man Verantwortung übernehmen.

Heute wird der Endbericht der forensischen Untersuchung zu den vermuteten Malversationen präsentiert. Man darf gespannt sein, ob der mehr enthält als das, was bisher schon durch die Medien gegeistert ist. Diesfalls müsste Strafanzeige erstattet werden gegen Stantejsky. Erst im April wird es aber einen Jahresabschluss geben und damit die Antwort auf die Fragen: Wie hoch ist das Defizit wirklich und woher kommt der das Geld, das zweifelsohne erforderlich ist?
Interessant das Interview in der Presse mit dem KPMG Geschäftsführer Martin Wagner :
Er sagt: „Jedem hätte das auffallen müssen“.
Und: „An der Entwicklung der Bankschulden konnte man leicht erkennen, dass das Haus verlustträchtig ist. Wenn man mehr ausgibt, als man hat, dann steigen die Schulden. Wenn dann trotzdem ein ausgeglichenes Ergebnis vorliegt, sagt einem der Hausverstand, dass da etwas nicht zusammenpasst.“

Nun, ich meine, nicht unbedingt der Hausverstand, aber der kaufmännische Verstand – und der ist von Gesetz wegen von den beiden Direktoren Hartmann und Springer gefordert. Ob sie Verantwortung übernehmen werden müssen, wird man sehen. Diese Verantwortung liegt bei den Beiden und bei Minister Ostermayer. Und Verantwortung wird in Österreich mit sehr kleinem v geschrieben…