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Das Ende des türkischen Wirtschaftswunders?

Die noch ungebrochene Popularität von Präsident Erdogan beruht zu einem großen Teil auf dem beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwung, den die Türkei nach der schweren Finanzkrise von 2001 nahm. Seit der Machtübernahme durch die AKP im Jahr 2002 wuchs das BIP bis 2015 im Schnitt um +4,8% jährlich. Das pro-Kopf Einkommen, das 2002 noch bei USD 8.784 und 35% des EU Durchschnitts lag, stieg bis 2015 auf USD 19.609 und 52% des EU Durchschnitts – und lag damit immerhin höher als das pro-Kopf Einkommen des EU-Mitgliedstaates Bulgarien[1]. Die öffentliche Infrastruktur wurde in einem noch nie dagewesenen Ausmaß ausgebaut, vor allem in Regionen, die bis dahin von Ankara meist vernachlässigt wurden. Die Bewohner dieser konservativen und demographisch dynamischen Gegenden bilden für Erdogan ein sicheres und wachsendes Wählerpotential. Die Türkei hat unter der AKP in den letzten 10 Jahren eine beeindruckende Modernisierung geschafft, die das Land in die obere Liga der globalen Volkswirtschaften katapultierte. Auch wenn die meisten Türken im Vergleich zu EU Staatsbürgern nach wie vor ärmer sind – es erfüllt sie mit Stolz, dass ihr Land eine eigene Rüstungsindustrie hat, Satelliten ins All schickt, und Ende August mit der 3. Bosporus Brücke die längste und breiteste Hängebrücke der Welt eröffnet hat.

Der Bau der Yavuz-Sultan-Selim Brücke im Okt. 2014. Mit 59 Metern ist die Fahrbahn die breiteste der Welt. Und keine Eisenbahnbrücke der Welt hat eine längere Spannweite als ihre 1408 Meter. Die Pylone auf beiden Seiten sind 322 Meter hoch – auch ein Rekord
Der Bau der Yavuz-Sultan-Selim Brücke im Okt. 2014. Mit 59 Metern ist die Fahrbahn die breiteste der Welt. Und keine Eisenbahnbrücke der Welt hat eine längere Spannweite als ihre 1408 Meter. Die Pylone auf beiden Seiten sind 322 Meter hoch – auch ein Rekord

Aber die wirtschaftliche Entwicklung und somit die Machtbasis Erdogans droht ins Wanken zu geraten.  Obwohl die meisten makroökonomischen Eckdaten noch im grünen Bereich liegen, steigen am Horizont dunkle Wolken auf.  Um nur 3 Beispiele zu nennen:

  1. Der Fremdenverkehr, der immerhin 12% des BIPs ausmacht, ist um 40% eingebrochen. Der Grund liegt nur zum Teil in der sich stetig verschlechternden Sicherheitslage. Auch die innenpolitischen Entwicklungen wirken sich negativ aus. Das Land ist, laut einem Gesprächspartner, für viele deutsche und österreichische Urlauber schlicht „unsympathisch“ geworden.
  2. Die türkische Lira hat seit dem Putschversuch des 15. Juli gegenüber dem Dollar -18% an Wert verloren.
  3. Und obwohl die Staatsverschuldung bei nur 31% des BIPs liegt, beträgt der Verschuldungsgrad der privaten Haushalte bereits 22% des BIPs. Angesichts einer geringen Sparquote, steigender Zinsen und dem drohenden Ausbleiben ausländischer Kapitalflüsse könnte diese Überschuldung relativ schnell eine negative Spirale von Leistungsbilanzdefizit und Rezession auslösen.
Entwicklung der türkischem Lira im Vergleich zum US-Dollar im vergangenen Jahr.
Entwicklung der türkischem Lira im Vergleich zum US-Dollar im vergangenen Jahr.

Von enormer Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Türkei sind vor allem ausländische Direktinvestitionen. Diese bildeten in den letzten Jahren das Rückgrat des Wirtschaftswachstums. Noch ist kein Abzug zu verzeichnen – neue Investitionen bleiben aber seit dem Putschversuch weitgehend aus. Ausländische Investoren sind stark verunsichert, sowohl was die wirtschaftlichen als auch was die politischen Entwicklungen betrifft. Nicht nur dass die Türkei als Absatzmarkt wegbrechen könnte. Die Türkei könnte auch als DER Standort von dem aus man die Märkte Zentralasien bedient wegfallen – zugunsten z.B. des Iran. Dass die Jagd auf die Gülenisten zum Teil auch Unternehmen und Firmenchefs erfasst, trägt nicht gerade zur Beruhigung bei. Der Ausnahmezustand hat auch im Wirtschaftsleben der staatlichen Willkür Tür und Tor geöffnet. Eigentumsrechte sind de-facto ausgehebelt. Vermögen in Milliarden-Höhe sind enteignet und dem Staat übertragen worden. Auch wenn ausländische Firmen bisher kaum betroffen sind, auch Investoren, ähnlich wie Touristen, werden von Emotionen geleitet; ein deutscher Gesprächspartner erzählte, dass er viele Landsleute kennt, die vor 2-3 Jahren noch mit Begeisterung in die Türkei übersiedelten, dies aber heute nach eigenen Angaben nicht mehr tun würden. Und es ist vielleicht bezeichnend, dass die deutsche Schule in Istanbul plötzlich Schwierigkeiten hat, Lehrer aus Deutschland anzustellen. Die Lage ist von einer angespannten Wartehaltung gekennzeichnet. Zur Flucht ist es nur ein Schritt.

Die Regierung gibt sich gelassen, und hat bereits angekündigt, dass die Türkei sich als Alternative zu Europa der Shanghai Zone zuwenden könnte. Tatsächlich bieten China, Russland und Zentralasien mehr Möglichkeiten, als der näher gelegene arabische Raum. Die Verflechtung mit Europa ist jedoch viel enger, und eine effektive Neuorientierung in Richtung Osten ist kurzfristig unrealistisch: 50% des türkischen Außenhandels wird mit der EU abgewickelt, und 75% der direkten Investitionen kommen aus dem EU Raum. Umgekehrt betragen die Ausfuhren der EU in die Türkei nur 4.4% der gesamten EU-Exporte (im Vergleich: die kleine Schweiz nimmt 8.4% der EU-Exporte auf). Die wirtschaftliche Abhängigkeit ist also nicht beidseitig wie oft fälschlicherweise behauptet wird. Unter diesem Gesichtspunkt ist es schwer verständlich, weshalb das Erdogan Regime derart konsequent am Aufbau eines EU-Feindbilds arbeitet.

Die Antwort liegt vielleicht darin, dass mit dem bisherigen wirtschaftlichen Aufschwung eine Hybris eingezogen ist, welche die Sicht auf die wirtschaftlichen Realitäten und auf das Gefahrenpotential eines Bruchs mit Europa versperrt. Darüber hinaus hat Erdogan offensichtlich für sich selbst einen Allmacht-Anspruch, und für die Türkei einen Großmacht-Anspruch entwickelt, der über sozioökonomischen Ziele Vorrang genießt. Und in dem Ausmaß wie seine Legitimität vom wirtschaftlichen Abschwung untergraben wird, wird das Regime seine Rettung im Schüren von Nationalismus sowohl nach innen (Stichwort Kurden) als auch nach außen (Stichwort Lausanner Verträge) suchen. Es besteht die Gefahr, dass ein Teufelskreis entsteht, geprägt von wirtschaftlicher Krise, Abgleiten in einen autoritären Staat, und außenpolitischer Aggression. Angesichts der zunehmend gefestigten Macht Erdogans kann nicht davon ausgegangen werden, dass die wirtschaftliche Krise, die höchstwahrscheinlich die Türkei befallen wird, ihn alleine aus dem Sattel heben wird. Wir müssen uns auf ein Szenario vorbereiten, ähnlich jenem in Russland unter Putin. Die Leidtragenden werden die Türken sein.

 

[1] Quelle: Weltbank http://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.PP.CD