« Zurück zur Übersicht

DIE ARBEITSZEIT NEU DENKEN

28.09.2015 Gerald Loacker

Der technische Fortschritt verändert unser Leben immer schneller. Während wir vor 20 Jahren noch tagelang auf Geschäftsbriefe gewartet, unterwegs Telefonzellen gesucht und im Büro Karteikarten abgelegt haben, schicken wir heute in Sekundenschnelle E-Mails, loggen uns von unterwegs über Webmail ein und haben auf elektronisch archivierte Dokumente von überall Zugriff.

Das Arbeitszeitgesetz, mit dem die tägliche Arbeit von Arbeitnehmern geregelt werden soll, ist allerdings nicht nur zwanzig sondern sechsundvierzig Jahre alt. Es stammt aus der Zeit von Stechkarten und Rechenschiebern. Manuelle Tätigkeiten dominierten damals die Arbeitswelt. Im Wesentlichen und mit wenigen, kompliziert geregelten Ausnahmen geht das Arbeitszeitgesetz von der Pflicht aus, Arbeitszeiten genau aufzuzeichnen. Das Arbeitsruhegesetz ergänzt dieses Regelpaket und normiert neben vielen anderen Dingen die Feiertags- und Wochenendruhe.

So stehen wir im täglichen Arbeitsleben heute vor der Situation, dass die bestehenden Gesetze den Wünschen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern nach Flexibilität und Mobilität nicht mehr gerecht werden:

 

  • Junge Eltern, die sich am Abend via Home office nochmals an die Arbeit machen, nachdem die Kinder ins Bett gebracht sind, verletzen wohl regelmäßig das Arbeitszeitgesetz (§12 AZG), weil sie die 11stündige Nachtruhe nicht einhalten.

 

  • Wer am Donnerstag noch zwei Stunden Arbeit anhängt, um den Freitagnachmittag im Freien zu verbringen, muss gut aufpassen, nicht die Begrenzung der Tagesarbeitszeit auf 10 Stunden (§9 AZG) zu überschreiten.

 

  • Die Schulveranstaltung eines Kindes am Nachmittag oder den Sprechtag möchten Eltern nicht versäumen. Doch wird der Chef oft nicht einverstanden sein, wenn der Mitarbeiter die liegen gebliebene Arbeit stattdessen am Samstag erledigen möchte. Da muss das Unternehmen nämlich für dieselbe Arbeit Zuschläge zahlen (nach den meisten Kollektivverträgen).

 

Unsere dynamische, mobile Arbeitswelt unterliegt immer noch einem uralten Gesetz, das Arbeit in abgesessenen Minuten misst. Moderne Arbeitnehmer, die von ihren Vorgesetzten danach beurteilt werden, ob und wie gut sie ein Arbeitspaket meistern, müssen sich nach der Stempeluhr richten.

Manch einer hat schon daran gedacht, mit dem Chef einfach Vertrauensarbeitszeit zu vereinbaren. Das ist aber verboten. Geht nicht mal, wenn der Betriebsrat zustimmt. – Arbeitszeitgesetz.