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Wer mittags nach Hause will, soll in eine Privatschule gehen? Ernsthaft?

Ich bin schon einigermaßen verdutzt mit welch ideologischer Vehemenz die Präsidentin des Wiener Stadtschulrats Susanne Brandsteidl (SPÖ) heute in der Presse verpflichtende Ganztagesschulen für alle fordert.

Sie fordert ein Ende der Mitsprache von Eltern und Lehrern beim Ausbau der Ganztagesschule und will die Ganztagesschule als Regelschule für alle verpflichtend etablieren. Nicht ganz verpflichtend – Privatschulen sollen das halbtägige Angebot stellen. Wer also will, dass sein Kind zu Mittag nach Hause kommt, soll es in eine Privatschule schicken.

Das ist bemerkenswert aus vielerlei Hinsicht:

  1. Entlarvende totalitäre Geisteshaltung
    Chancengerechtigkeit ist ein wichtiges politisches Anliegen. Und gerade für den Bildungsbereich eine unerlässliche Zielvorgabe. Bildung ist der Rohstoff Österreichs und Europas und letztlich der wichtigste Grundstein für letztlich auch die wirtschaftliche Zukunft des ganzen Kontinents. Chancengleichheit ist etwas anderes als –gerechtigkeit. Hier gehen wir in Richtung einer Utopie, bei der dann oft der Ruf nach einem System kommt, das alle Menschen zu besseren Menschen machen wird. Das ist das Wesen totalitärer Systeme. Ein Staat, der keine individuelle Entfaltungsmöglichkeit mehr zulassen möchte. Wer sich dafür einsetzt, dass alle Kinder verpflichtend in eine Ganztagesschule unterrichtet werden, der will nicht dem Einzelnen sein individuelle Entfaltungsmöglichkeit geben, sondern Bevormundung im großen Stil und möglichst alle gleich schalten. Erstaunlich so kurz nach Zeiten, in denen Menschen genau gegen eine derartige Geisteshaltung blutig gekämpft haben.
  2. Unser jetziges Bildungssystem schafft keine Chancengerechtigkeit
    Vielleicht kann man die Bemerkungen Brandsteidls auch als Eingeständnis des Scheiterns unseres Bildungssystems sehen. Wenn 27% der Schüler die Pflichtschule verlassen und nicht sinnerfassend lesen könne, wenn in Sonderschulen der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund überproportional ist, wenn Bildungscurricula weitervererbt werden, dann ist die Politik mit ihrem Streben nach Chancengerechtigkeit offenbar gescheitert. Die Frage, die man nun stellen muss: Warum? Sicherlich nicht, weil zu viel individuelle Entfaltungsmöglichkeit in den Schulen geboten wird.
  3. Der sichere Weg zu einem 2-Klassen-Bildungssystem
    Wenn nur noch Privatschulen das Angebot stellen werden, dass Eltern ihre Kinder am Nachmittag individuell fördern und erziehen, dann ist das der sicherste Weg in eine wirkliche 2-Klassen-Bildung. Wenn jetzt schon viele Eltern Privatschulen den Vorzug gegenüber öffentlichen Schulen geben, dann sollte man darauf schauen, warum das so ist. Interessanterweise war es zu meiner Schulzeit so, dass gerade im privaten Bereich ganztägige Angebote gemacht wurden und die Schulen auch aus diesem Grunde gewählt wurden.
  4. Das Produkt wird nicht verbessert, sondern alle dazu gezwungen es zu kaufen
    Ja, es gibt große vor allem bauliche Herausforderungen für den Ausbau von ganztagesschulen, der zweifelsohne wichtig ist. Die Nachfrage steigt, das Angebot kommt nicht nach. So weit hat Brandsteidl recht. Aber anstatt die Schulen attraktiv zu machen, Räume für Bewegung und Rückzug für Kinder aber auch für Lehrer einzurichten und somit das Angebot zu attraktivieren, sollen nach den Ideen der Stadtschulratspräsidentin offenbar diese Herausforderungen einfach umgangen werden, indem man darüber hinweggeht und sagt: Pech, ist halt so, aber jetzt ist es auch noch verpflichtend.
  5. Befreit die Schulen vom Einfluss der Parteien!
    Die Politik soll den Schulen endlich umfassende Autonomie geben und damit auch das Recht, selbst zu entscheiden, was am Standort mit den zur Verfügung stehenden Mitteln (über die sie dann auch bestimmen können) passiert. Wenn die Nachfrage nach ganztägigen Schulen steigt, dann wird es entsprechende Angebote geben. Aber nur dann, wenn die Schulen auch die Autonomie haben, frei zu entscheiden. Auch hinsichtlich des Lehrpersonals, das hier sicherlich des Öfteren hemmend agiert.

Zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung: ich selbst suche gerade eine Volksschule für meine ältere Tochter. Ich selbst hätte gerne eine Schule, die ganztägig ist. Ich finde in meinem unmittelbaren Umfeld keine öffentliche Schule, die einen verschränkten Unterricht bietet. Ich finde aber Privatschulen, die das tun. Mmmh… was soll ich jetzt machen? Stell Dir vor, dann kommt die verpflichtende Halbtagesschule für Privatschulen…